Deutsche Oper Berlin
Bismarckstrasse, Mai 1964


Eine Bildrestaurierung


DeutscheOper1964-Originalscan

In den 60er Jahren fotografierte mein Grossonkel vor allem auf Reisen. Allerdings nur sehr "starre" Bilder. Motive wie Kirchenportale, Tiere im Zoo, u.ä. Völlig zeitlos also.
Vieles davon hat mein Grosstante schon entsorgt, manches weitergereicht, wie dieses Dia von der Deutschen Oper in West-Berlin in der Bismarckstrasse.

Ende der 20 Jahre fuhr mein Grossonkel zusammen mit einem Kumpel von Berlin nach Tilsit. Mit dem Fahrrad! Davon habe ich das Tagebuch bekommen, das vom Stil her wiederum ähnlich den Fotos ist: Emotionslos, rein sachliche Daten auflistend. Aber immerhin ein kleines Zeitdokument.
Mein Vater schreib etwa 1977-1982 Tagebuch und ich selber mal ein halbes Jahr lang täglich im Jahr 1984. Auch wenn alle drei Tagebuch-Stile literarisch ziemlich ganz weit unten rangieren, es könnte ganz interessant sein, alle drei Generationen zu publizieren...
Mein Onkel und sein Kumpel jedenfalls fuhren also aus Steglitz nach Tilsit los und irgendwo in Berlin-Mitte fiel ihnen ein, dass sie was vergessen hatten. Also nochmal eben zurück nach Steglitz. Boah!
Am ersten Tag fuhren sie weit über 100 km! Und das bei der Strassen- und Bike-Hardware aus den 20er Jahren!
Meine weiteste Tour war ~70km an einem Tag. Von Bremen aus über Fischerhude nach Ottersberg und dann über Oyten zurück. Da war dann aber auch echt Ende mit mir!
Ein Bremer Schulfreund fuhr nicht nur mal HB-HH (so als Training), sodern wohl mal mit 'ner Freundin auch von Paris nach Bremen! War dann aber wohl nicht ganz so verbindend, die Aktion, wie
ich hinterher rausgehört habe... ;)
Eines meiner Models fuhr auch so 100km Touren. Und ein Mitglied aus'm Rhönradclub kam mit dem Rad durch halb Berlin zum Training und zurück - bei dem Verkehr in Berlin, wo kaum Radwege sind.
Wie macht ihr das bloss??
Naja, egal jetzt. Hier gehts jetzt nicht um Radtouren, sondern um das Foto der Deutschen Oper: Architektonisch, wie man sieht, völlig ohne klassizistischen Schnickschnack -> Nachkriegsmoderne eben.

Dies ist der Original Scan des 24x36mm Dias. Es ist inklusive dem Glas gescannt, da die Dias in den 60er Jahren noch sehr umständlich und wie für die Ewigkeit gerahmt wurden.
Nicht etwa wie in der Endphase der analogen Fotografie die Dias einfach in einen Plastik-Klapprahmen rein, sondern mit je einer Papiermaske auf beiden Seiten zwischen zwei etwas dickere 5x5cm-Glasscheiben gelegt und dann das Ganze mit Klebeband um alle vier Seiten herum zugeklebt! Auf die Papiermaske schrieb man dann vor dem Zukleben ggf noch den Bildtitel und das Aufnahmedatum rauf. Die einzelnen Bilder kamen in mehreren Reihen in grössere Metall- oder Holzkoffer. Entsprechend wog das Ganze!
Ich habe zum Scannen also das Dia im Rahmen gelassen, denn allein das Öffnen wäre sehr friemelig - geschweige denn, es nach dem Öffnen wieder zusammen zu kriegen.

Das Bild ist sehr ausgeblichen und cyan-stichig. Mit einfachen Farb- und Kontrastreglern ist nicht viel Differenzierung zu bewirken. Also hilft nur: Alles in Einzelteilen ausschneiden.
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DeutscheOper1964
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Das fertige Bild besteht hier aus 28 Einzelteilen. Die Farbgebung der Objekte ist schon etwas vorgegeben, da es ja immerhin ein Farbbild ist.
Die Passanten links habe ich vom Kontrast her stärker abgesetzt, ansonsten ist alles eher behutsam abgemixed, denn es soll ja möglichst der Realität nahe kommen. Das Bild ist jetzt, wie man sieht,
gegenüber dem Original sehr viel klarer und damit angenehmer anzuschauen.
Würde man das Original oben nicht gesehen haben, würde man denken dies sei die Originalfarbgebung - und so soll es
auch sein.

Es sind im Grunde "nur" 28 Teile, denn man könnte noch einige Objekte mehr von ihrer Umgebung absetzten: Die Aktentasche des Mannes an der Ecke in kräftiges Braun, Grau oder Schwarz setzen, die Rücklichter der Autos stärker rot, die Fensterkreuze des Hauses hinten kontrastreicher, das Werbeschild überm Schaufenster und die Türrahmen des Einganges, den Gullideckel vorne.
Aber wir wollen's ja nicht übertreiben mit dem Arbeitsaufwand, denn das Motiv ansich haut einen eh nicht so vom Hocker... interessant vom Zeitgeist her ist hier eigentlich nur die Autoreihe.
Am aufwändigsten zu markieren waren die Blätter am Baum links und der Baum rechts hinten, aber das muss schon sein, damit das bisschen Frühlingshafte besser zur Geltung kommt.

Bei der Nachcolorierung des Bildes des Bremer Findorff-Hauses, dass ich ebenfalls in Arbeit habe, sind es insgesamt knapp 200 ausgeschnittene Teile!
Und zu jedem Teil muss ich mir dort eine Farbe ausdenken, die in etwa zum Objekt passen könnte, da das Bild ja nur in milchigem, total verblichenen schwarz-weiss vorliegt.
Ich sollte jenes Bild mal weiterma
chen und zuende bringen, denn den Eindruck ist es wert! Werd's mir wohl jetzt im Winter mal vornehmen.

Aufbau-Clip

VW-Kaefer-cut

           bildrestaurierung-operberlin-1964.wmv         1,29 min        1226 x 806 px       12,5 MB    
 
bildrestaurierung-operberlin-1964-divx.avi     1,29 min       1226 x 806 px        7 MB

Im Clip sieht man die Einzelteile des Bildes. Einmal je einzeln und einmal in Zusammensetzung.
Zusätzlich habe ich im Film noch eine Pop-Art-Version kreiert, denn hat man einmal die Einzelteile,
kann man sie auch z.B. im Pop-Art-Style einfärben und damit rumexperimentieren.

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P.S:  Weil heute gerade Google-Streetview in .de gestartet ist:
Das wäre was, wenn man einen kompletten, landesweiten Streetview-Datensatz von 1964 hätte!
Oder von 1952, oder von 1907...


-- Geplant: 3-5 weitere Berlin-Bilder meines Onkels aus jener Zeit. Mehr oder weniger restauriert. --